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Bauchspeck ist unsexy, unästhetisch, ungesund und einfach überflüssig. Das waren für mich ausreichend Gründe, um den Kampf gegen die eigene Plauze aufzunehmen. Gerade wir Radsportler würden unsere Leistungsfähigkeit enorm verbessern, wenn wir unseren Körper dazu bringen, diese fiese Isolierschicht von angefressenem Fett zu verzehren. Denn bergauf zählt nur die getretene Leistung im Bezug zum Gewicht, Watt pro Kilo heißt die Zauberformel. Je weniger du wiegst, desto schneller kannst du den Berg hochfahren. Und das ist ja, was wir alle wollen.

Ich selbst bin von Natur aus ein „skinny-fatty“ Körpertyp. Damit bin ich gleich doppelt bestraft. Ein wenig muskulöser Körper mit dem Hang, schnell Fett einzulagern. In Radklamotten und mit eingezogenem Bauch sehe ich tatsächlich ganz passabel aus. Doch die Wahrheit zeigt sich nackt vor dem Spiegel. In meiner Körpermitte sammelt sich Speck und bläht den Bauch in Form eines Fußballs auf. Bei einer Körpergröße von 1,86m und 77 kg habe ich einen Body-Mass-Index von 22,3. Für normale Menschen ist das ein sehr guter Wert, für Radsportler hingegen ist das eine Katastrophe. Niemand gewinnt die Tour de France mit einem BMI über 20.

In einem Selbstversuch über acht Wochen habe ich versucht, fünf kg Bauchspeck zu verlieren. Ich bin kläglich gescheitert und habe dieses Ziel nicht erreicht. Mir ist klar geworden, dass Bauchspeck die widerstandsfähigste Substanz im Universum sein muss.
Die Quälerei ist zum Glück vorbei und ich möchte Dir die Gründe meines Versagens offenbaren:

1. Der Bauchspeck verabschiedet sich zuletzt

Bevor auch nur ein Gramm aus der mittigen Speckrolle verschwindet, siehst Du am Rest des Körpers schon wie ein kenianischer Marathonläufer aus. Dünne Ärmchen baumeln schlaksig von den ausgemergelten Schultern herab. Dein Schädel ist hart bespannt mit einer dünnen Hautschicht, die Augen sitzen tief in dunklen Höhlen und wirken unnatürlich groß. Brust und Rücken verlieren dramatisch an Fettmasse und Volumen, sodass die Plauze noch viel größer aussieht. Deine einst stolze Beinmuskulatur ist sichtbar verringert und Du bist deinen Gegnern im Sprint hoffnungslos unterlegen. Mehr als 500 Watt kannst Du nicht mehr mobilisieren. Wenn du nach langer Askese diesen unästhetischen und schlaffen Zustand erreicht hast, beginnt Dein Körper ganz gemächlich nun auch die Fettreserven am Bauch anzuknabbern. Für mich kommt diese Phase viel zu spät. Was hat sich die Natur bloß dabei gedacht?

2. Hunger tut weh

Jedes Abnehmprojekt schränkt das Essen ein. Ich habe natürlich meinen Energieverbrauch mit einem Fitness-Tracker bestimmt und eine ausgeklügelte Abnehmstrategie ausgearbeitet. Zwei oder drei Tage lang macht mir ein Hungergefühl nichts aus. Wenn ich aber so richtig hungrig bin, beginnt der Kampf meiner Disziplin gegen das Verlangen. Hunger entsteht im Gehirn. Wenn der Blutzuckerspiegel sinkt, produziert der Magen das Hunger-Hormon Ghrelin. Der Magen knurrt und man denkt nur noch ans Essen. Der große Skandal ist allerdings, dass Ghrelin die Fettverbrennung drosselt. Jede Diät wird damit ad absurdum geführt. Neuere Studien behaupten weiterhin, dass das Hungergefühl stark mit der Aufnahme von Proteinen zusammenhängt. Je proteinreicher die Mahlzeit, desto schneller verschwindet der Hunger. Letztendlich sorgte der permanente Hunger dazu, dass ich mich mit dem Abnehmen mehr beschäftigt habe als mir lieb ist. Und wer hat schon Lust, ewig gegen den Hunger anzukämpfen?

3. Sollwert und Jojo

Aktuell wird die Set-Point-Theorie diskutiert, die besagt, dass der Körper versucht, das einmal erreichte Höchstgewicht als Sollwert wieder zu erreichen. „Dieser Sollwert schiebt sich bei den meisten Menschen kontinuierlich nach oben und lässt sich prinzipiell nicht mehr dauerhaft nach unten korrigieren“, so Prof. Dr. med. Werner Kern aus Ulm. Tatsächlich sind die wenigsten Diäterfolge von langer Dauer. Der Körper steuert nach Monaten oder Jahren wieder unbeirrt seinen gespeicherten Sollwert an. Wir haben dem nichts entgegenzusetzen. Damit ist jede kurzfristige Diät zum Scheitern verurteilt. Dieser Jojo-Effekt ist hinreichend belegt und bestätigt die Aussichtslosigkeit meines Vorhabens.

4. Das tägliche Bier

Es gibt nichts Geileres als ein kühles Bier direkt nach dem Training. Nach der ersten Flasche bekommt man so richtig Durst und ich erinnere mich an Ausfahrten, wo wir hinterher länger in einer Bar saßen als auf dem Sattel. In Kombination mit einer Diät ist Bierkonsum allerdings ausgesprochen kontraproduktiv. Im Vergleich zum Abbau anderer Nährstoffe (wie z.B. Fett) genießt der Alkoholabbau im Körper allerhöchste Priorität. Da Alkohol nicht gespeichert werden kann, wird er immer sofort abgebaut. Dies geschieht auf Kosten des Fettabbaus, was die Speicherung von Fetten begünstigt. Der Hopfen im Bier beinhaltet zudem eine relativ große Menge pflanzlicher Östrogene (Phytoöstrogene). Diese Hormone lassen die Fettpolster rund um Bauch und Hüften anschwellen und sorgen für die gefürchteten Bier-Titten.

Fazit

Der Moment der Einsicht kam spät aber er kam. Ich muss mir eingestehen, dass ich

a) nie die Tour de France gewinnen und
b) nie meine Bauchrolle verlieren werde.

Ich werde definitiv nie wieder eine Diät machen, sondern nur noch einige wenige Dinge beachten in der Hoffnung, meinen Sollwert langfristig zu senken. Dazu gehört eine zuckerfreie Ernährung, wenig Fleisch und kontrollierter Alkoholkonsum in Form von Rotwein.

Das Leben ist zu kurz, um sich mit Diäten zu geißeln.