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Wikipedia sagt: „Luxus ist ein kostspieliger, verschwenderischer und nur dem Genuss und Vergnügen dienender Aufwand“. Da ist viel Wahres dran. Seit Jahren kaufe ich mit viel Freude teure Fahrradteile, die ich mir kaum leisten kann. Geradezu euphorisch berechne ich das dadurch eingesparte Gewicht im zweistelligen Grammbereich. Das sind immerhin 0,5 bis 1,5  Watt weniger, die ich beim nächsten Anstieg hochwuchten muss. Oder ich erfreue mich dümmlich grinsend an ein neu angeschafftes Carbon-Teil mit einer wunderschönen Oberfläche in edler Carbon-Matrix-Optik. In solchen Momenten bin ich nicht nur Rennradfahrer, sondern auch so etwas wie ein Technischer Direktor in einem Formel-Eins-Rennstall. Wer die letzten Zehntel-Sekunden bei der PR-Jagd rauskitzeln möchte, muss mit dem Material ans Limit gehen. Dass ich am eigenen Körper noch viel günstigeres Optimierungspotential besitze, blende ich selbstredend aus.

Um irgendwo am Rad ein Gramm einzusparen, muss man mit Kosten von einem bis drei Euro rechnen. Und das Beste ist, dass ich nicht den Hauch eines schlechten Gewissens beim Geldausgeben verspüre. Genau das Gegenteil ist der Fall. Je weniger Geld ich zur Verfügung habe, desto absurder werden meine Kaufabsichten. Von ahnungslosen Nichtrennradfahrern in meinem Umfeld werde ich höflich belächelt und als hoffnungsloser Fall abgehakt.
Über dieses absurde Phänomen des Luxus habe ich zum ersten Mal richtig nachgedacht, als ich ein Interview mit dem Philosophie-Professor Lambert Wiesing gelesen habe. Er hat sich mit dem Begriff „Luxus“ auseinandergesetzt und seine Erkenntnisse in einem gleichnamigen Buch veröffentlicht. Dieser Artikel wurde durch seine Ausführungen inspiriert.

Luxus fühlt sich gut an

Wenn ich mein Rennrad optimiere und dabei stundenlang die verschiedenen Ausführungen eines Radteils analysiere, dann bin ich in einem selbstvergessenem Stadium, welches an intensives Spielen erinnert. Eine flauschiger Überzug aus Zufriedenheit und Glück kapselt mich von der Realität ab und lässt mich wohlig die Zeit vergessen. In diesen Momenten bin ich fokussiert und gleichzeitig sehr entspannt. Es ist ein Phänomen der ästhetischen Selbsterfahrung, wenn ich Muster und Farbakzente aufeinander abstimme und ein stimmiges Gesamtbild schaffe. Für alle Teile, die es in meine Auswahl schaffen, gibt es gut funktionierende und weitaus günstigere Alternativen. Doch nur die technisch perfekten oder die optisch ansprechendsten Produkte gönne ich mir und genieße dabei das Gefühl, mir etwas Gutes zu tun. Für dieses Luxusgefühl brauche ich nur mich, denn Luxus lässt sich alleine machen.

Luxus befriedigt doppelt

Luxus ist an Besitz gebunden und erfordert vorab den Kauf des begehrenswerten Objekts. Zu Beginn spüre ich eine intensive und freudvolle Konsumbefriedigung, wie bei jedem Kauf. Glückshormone werden ausgeschüttet und lösen ein Hochgefühl aus. Dieser flüchtige Rausch hält allerdings nicht lange an und ebbt kontinuierlich ab. In der zweiten Phase der Befriedigung setzt die langfristige Freude ein. Eine immer wiederkehrende Freunde, wenn die Luxusobjekte betrachtet und benutzt werden. Diese Freude nutzt sich nicht ab und hält so lange, bis eine verbesserte Version des Objekts auf den Markt gebracht wird. Es muss nicht unbedingt ein großer Besitz sein, um diese Gefühlswelt auszulösen. Auch kleine Dinge, die man sich durchaus leisten kann, bewirken die gleichen positiven Effekte.
So kann man mit einer Investition von nur 24 Euro einen Highend-Schlauch von Tubolito kaufen. Dieser Schlauch aus Hightech Thermoplast kostet zwar 600 Prozent mehr als ein normaler Schlauch aus Butyl (vier Euro), er wiegt jedoch 75 Gramm weniger und ist pannensicherer. Bessere technische Eigenschaften bei einem geringerem Gewicht. Das eingesparte Gramm kostet nur sensationelle 32 Cent. Das ist der perfekte Einstieg in die Welt des Rennrad-Luxus.

Luxus versus Protz

Protz und Luxus senden zwei gegensätzliche Botschaften und sind daher grundlegend verschiedene Phänomene. Protz erfüllt eine symbolische Funktion und stellt nur die Kaufkraft des Besitzers zur Schau. Das wird negativ wahrgenommen, insbesondere dann, wenn die eigene Erscheinung nicht mit der Strahlkraft des Objekts übereinstimmt. Beispielhaft sei ein mäßig trainierter Eisdielenposer mit Wampe aufgeführt, der sonntags seine Lightweights spazieren fährt.
Luxus hingegen ist anders und an eine spezifische ästhetische Erfahrung des Besitzers gebunden. Wahrer Luxus fällt oft gar nicht auf. Keramik-Kugellager, gekapselte Schaltzüge, Carbon-Lenker oder Tubolitos, die stundenlang bewertet und verglichen wurden, verrichten versteckt ihre Arbeit und erfreuen den Besitzer unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Für die echte Form des Luxus muss man sich intensiv mit dem Objekt auseinandersetzten. Luxus kauft man nicht, Luxus erarbeitet man sich. Nur dann spürt man diese tiefe Befriedigung, ohne dass andere es sehen müssen.

Luxus muss absurd sein

Für die Luxuserfahrung muss ein Rennradfahrer über den Sinn der Sache reflektieren. Denn er hat zu beurteilen, ob solch hohe Kosten sinnvoll sind oder ob sie über das technisch Notwendige hinausgehen. Die Antwort ist immer gleich: Jeder Luxus am Rennrad ist nicht notwendig, häufig sinnlos und in der Regel rausgeschmissenes Geld. Damit wirst du kein besserer Radfahrer, der schneller, stärker oder ausdauernder seine Runden dreht. Du wirst weder deine Bestzeiten toppen, noch stärkere Rivalen schlagen. Objektiv betrachtet ist Luxus am Rennrad komplett absurd und paradox. Diese hellen Momente bewahren mich gelegentlich vor den größten Fehlinvestitionen und damit vor dem Ruin. Doch zum Glück lassen wir uns die meiste Zeit von Gefühlen und Emotionen leiten, sodass das nächste Luxusobjekt nur ein Mausklick weit entfernt ist.

Die Suche nach dem Luxus am Rad hört nie auf, sobald man einmal davon befallen ist. Wenn alle sündhaft teuren Teile gekauft und montiert sind, wartet man sehnsüchtig  darauf, dass sie endlich kaputt gehen. Tritt das nicht ein, beginnen in der Regel die Pläne für ein neues Radprojekt.

Du weißt ja: N+1